Aus alt mach neu mach besser

Recycling ist Standard, Upcycling ist Kunst. Ein Trend für eine Zeit des nachhaltigen Denkens, der beweist dass Wiederverwertung ziemlich gut aussehen kann.

Die Inspiration hat Mareike Müller von einem verspäteten Flug. Weil in dem engen Terminal kein Platz mehr frei ist, muss sie ihren Koffer zum Stuhl umfunktionieren. Die folgenden sechs Stunden schweißen die Studentin und den Plastikkasten zusammen. Als der zwei Jahre später kaputt geht, bringt es Müller nicht übers Herz ihn einfach wegzuschmeißen. „Es war ein typisch verregneter Herbstsonntag und auf einmal hatte ich die Idee, aus dem Koffer einen richtigen Stuhl zu machen“, sagt Müller. „Und weil alle Baumärkte zu waren, musste ich eben das nehmen, was ich bei mir in der WG gefunden habe. Irgendwann haben dann auch meine Mitbewohner mitgemacht, das war unglaublich lustig.“ Mit ausgemusterten Kissen, den Beinen alter Stühle und den Überresten eines wackligen Billy-Regals aus den 80ern verwandeln sie das Gepäckstück in eine wohnzimmertaugliche Sitzgelegenheit. „Uns war gar nicht bewusst, dass wir lupenreines Upcycling betrieben haben“, lacht Müller. „Damals kannte ich den Begriff noch gar nicht.“

Damit ist Müller nicht alleine, obwohl es das Konzept schon lange gibt. Einer der ersten, der das Wort in den Mund nimmt, ist der Deutsche Ingenieur Reiner Pilz. In einem Interview mit der englischen Architekturzeitung Salvo sagt er 1994: „Recycling? Ich nenne es Down-cycling. Sie schlagen Steine kaputt, sie schlagen alles kaputt. Was wir brauchen, ist Up-cycling, bei dem alte Produkte einen höheren Wert erhalten, keinen geringeren.“ Ein Trend ist geboren, der dennoch seine Zeit braucht um auch anzukommen. Als erster springt Gunter Pauli auf den Zug auf. Der als Steve Jobs der Nachhaltigkeit bekannt gewordene Belgier veröffentlicht 1998 sein Buch Upsizing, dessen Deutsche Ausgabe unter dem Titel Upcycling vermarket wird. 2002 erscheint das Buch Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things von dem deutschen Chemiker Michael Braungart und dem amerikanischem Architekten William McDonough. Die beiden ehemaligen Greenpeace Mitglieder, die kurz zuvor vom Time-Magazin zu Helden des Planeten gekürt worden sind, etablieren dort den Begriff der Ökoeffektivität. Dem Upcycling gestehen sie in ihrem Konzept dabei eine ganz besondere Rolle zu.

Doch es müssen noch einmal zehn Jahre vergehen, bis auch die breite Öffentlichkeit auf die kreative Wiederverwertung aufmerksam wird. Der Salone del Mobile in Milan und die Maison et Objet in Paris, zwei der bedeutendsten Messen für Interior Design weltweit, machen 2011 Upcycling zu ihrem Hauptthema. Von dort aus verbreiten Blogger und Influencer das Konzept. Von 2010 bis 2011 steigt die Zahl der mit Upcycling getagten Produkte auf Pinterest und Etsy von 7.900 auf 30.000. 2013 liegt sie bei 263.685. Weltweit werden nun Objekten am Ende Ihres Produktzyklus zusammengebracht und ihnen so neues Leben eingehaucht. Während der Erfinder Gary Chan in Hong Kong Fahrräder aus Müll baut, stellen die Ägypterinnen Rania K. Rafie und Yara Yassin Taschen aus alten Plastiktüten her und verkaufen sie online.

Zwar liegt der Hauptfokus beim Upcycling auf Nachhaltigkeit, aber auch die vielen Individualisierungsmöglichkeiten spielen eine entscheidende Rolle. Egal ob Lampenschirme aus Käsereiben, Blumenkästen aus Plastikflaschen oder Stühle aus Kleiderbügeln – wo es unendlich viele Materialien gibt, sind auch der Fantasie keine Grenzen gesetzt. „Das tolle beim Upcycling ist, dass man Objekte verwenden kann mit denen man selber etwas verbindet und so die eigene Geschichte zum Teil der Inneneinrichtung macht“, sagt Müller. „Aber man sollte auch nicht den Zeitaufwand unterschätzen, gerade bei größeren Projekten.“

Wer keine Zeit hat selber kreativ zu werden, kann natürlich im Internet auch auf die Vorstellungskraft anderer zurückgreifen. Einen guten Kompromiss diesbezüglich bietet der kanadische Blog Upcycle That, der sowohl schon fertig upgecyclete Produkte zum Kauf als auch Ideen und Materialien zur Inspiration anbietet. Und auch in Deutschland gibt es eine große Szene, in der sich Neulinge den nötigen Input zum Anfang holen können. Viele interessante Einfälle zum Nachmachen finden sich zum Beispiel auf den Blogs Upcycling DIY und Schere Leim Papier. Und wer sich dem Thema nicht alleine nähern will, kann einfach nach entsprechenden Kursen suchen. In fast jeder größeren Stadt in Deutschland gibt es inzwischen Workshops, die sich mit der kreativen Aufwertung befassen. Oder man geht mal wieder ins Museum.

Fotos: ©  Veronika Richterová, Michal Cihlář, Upcycle That

In der Kunst ist Upcycling nämlich schon lange angekommen. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen Künstler sich über den Wert von Gegenständen Gedanken zu machen, die im Rahmen der aufkommenden Massenproduktion absolut identisch und somit austauschbar gewordenen waren. Dem Dadaisten Marcel Duchamp gebührt diesbezüglich eine absolute Vorreiterrolle. Einige seiner berühmtesten Werke wie etwa das umgedrehte Pissoir (Fountain, 1917) oder das auf einem Barhocker montierte Speichenrad (Roue de Byciclette, 1913) entstanden so aus objets trouvés, also aus auf der Straße aufgelesenen Materialien. Dieser „Rohstoff“ bildet auch die Grundlage für die Watts Towers im gleichnamigen Stadtteil von Los Angeles. Von 1921 bis 1954 baute der italienisch-amerikanische Künstler Simon Rodia eigenhändig an diesen 17 Skulpturen, von denen die höchste 30 Meter übersteigt. Doch während Rodias Türme heute zu absoluten Touristenattraktionen geworden sind, kann man bei Duchamps Werken eine gewisse Ironie der Geschichte feststellen. Viele von ihnen landeten wieder auf dem Müll.

Titelfoto: © iStock

Comments are closed

Cookie-Präferenz

Bitte wählen Sie eine Option. Mehr Informationen zu den Folgen Ihrer Wahl finden Sie unter Hilfe.

Wählen Sie eine Option, um fortzufahren

Ihre Auswahl wurde gespeichert

Hilfe

Hilfe

Um fortzufahren, müssen Sie eine Cookie-Auswahl treffen. Im Folgenden finden Sie eine Erklärung der verschiedenen Optionen.

  • Alle Cookies akzeptieren:
    Alle Cookies wie Tracking- und Analyse-Cookies.
  • Tracking-Cookies ablehnen:
    Es werden keine Cookies gesetzt, außer die aus technischen Gründen notwendigen Cookies.

Sie können Ihre Cookie-Einstellung jederzeit ändern: Datenschutzerklärung.

Zurück