Das Smarthome noch mehr in den Köpfen verankern

Nicht erst seit gestern wird das Smarthome als der zentrale Baustein für das Wohnen der Zukunft in Deutschland gehandelt. Doch nach wie vor ist das Konzept für viele Endkunden schwammig und der Markt unübersichtlich. Abhilfe soll die kürzlich von Unternehmen, Verbänden und Initiativen gegründete „Wirtschaftsinitiative Smart Living“ schaffen, die von der Geschäftsstelle Smart Living des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) als flankierende Maßnahme betreut wird. Mit dem Leiter der Geschäftsstelle Smart Living, Mijo Maric, konnten wir auf der diesjährigen IFA einen Blick auf die aktuelle Lage und in die Zukunft werfen.

Herr Maric, hat das Smarthome in Deutschland ein Aufmerksamkeitsproblem?

Das würde ich so nicht sagen angesichts der aktuellen Marktforschungsuntersuchungen zu Bekanntheit von Smart Living, der entsprechenden Suchwörter-Statistiken im Web, der Investitionen vieler Unternehmen im Bereich Smart Living oder der Tatsache, dass auf der IFA, aber auch auf vielen weiteren Messen Smart Home bzw. Smart Living ein zentrales Thema ist. Unternehmen aus Deutschland, und da besonders kleine und mittelständische Firmen, sind in vielen Bereichen des Smart Living sehr gut positioniert und gehören oft zu den „hidden champions“ in ihren Segmenten. Diese Stärken heißt es zu sichern angesichts der Digitalisierung, die Märkte maßgeblich verändern kann. Auch das Engagement einiger IT-Giganten im Smart Living-Markt kann diesen nachhaltig durcheinander bringen. Im internationalen Vergleich gehört der Smart Living-Markt in Deutschland mit seiner Innovationskraft, der Reife der Lösungen und seiner Angebots- bzw. Gewerke-Vielfalt zu den Führenden.

Im internationalen Vergleich gehört der Smart Living-Markt in Deutschland mit seiner Innovationskraft, der Reife der Lösungen und seiner Angebots- bzw. Gewerke-Vielfalt zu den Führenden.

Dennoch ist der Begriff Smarthome für viele Kunden immer noch schwer zu fassen.

Das ist auch einer der Gründe, warum die Wirtschaftsinitiative Smart Living (WI SL) ins Leben gerufen wurde. Aus der Sicht der Teilnehmer der Initiative und des BMWi besteht – trotz der angesprochenen Stärken – durchaus Handlungsbedarf. Hierzu gehört unter anderem die bessere Aufklärung fachlich betroffener Akteure wie auch der Öffentlichkeit über die Nutzenaspekte von Smart Living-Anwendungen. Auch der Umgang mit der aus Kundensicht oft wahrgenommenen fehlenden Inkompatibilität von Lösungen und Komponenten unterschiedlicher Hersteller ist ein wichtiges Thema. Hinzu kommen aus Kundensicht unzureichende Investitionssicherheit im Sinne späterer Erweiterungsfähigkeit von Systemen, mangelndes Vertrauen in die Datensicherheit (Datenschutz, Schutz der Privatsphäre, Schutz vor Hacking), unklare Funktionalität oder komplizierte Bedienung (Usability) von angebotenen Smart Living-Anwendungen.

Wem steht die Wirtschaftsinitiative denn offen?

Grundsätzlich allen Unternehmen, Verbänden und Initiativen, die im deutschen Smart Living-Segment aktiv sind und die Ziele der WI SL unterstützen. Formal ist die Unterzeichnung eines „Memorandum of Understanding“ notwendig, in dem die Bedingungen des Mitwirkens ausführlich geregelt sind. Derzeit gibt es ca. 50 Teilnehmer. Dazu zählen praktisch alle maßgeblichen Verbände und Initiativen, die Hersteller und Anbieter, Anwender wie die Wohnungswirtschaft und das Handwerk vertreten. Hinzu kommt das unmittelbare Engagement von Unternehmen, von Global Playern über Mittelständler bis hin zu Start-Ups. Angestrebt ist nun die schrittweise Erweitereung der WI SL vor allem um weitere Unternehmen. Ein Engagement der Fertighausindustrie in der WISL würde sicher sehr begrüßt werden.

Ein Engagement der Fertighausindustrie in der Wirtschaftsinitiative Smart Living würde sicher sehr begrüßt werden.

Die Unternehmen konkurrieren weiterhin untereinander.

Natürlich, aber das schließt ja nicht aus, dass es übergeordnete, insbesondere vorwettbewerbliche gemeinsame Interessen bzw. Maßnahmen gibt, von denen alle Beteiligten profitieren und hier ein gemeinsames Engagement Sinn macht. Auf diesen Feldern ist die WI SL vernetzend tätig.

Welche Felder sind das?

Entsprechend der oben skizzierten Handlungsbedarfe gehören unter anderem die Entwicklung zukunftsweisender vorwettbewerblicher Strategien für die Schaffung eines deutschen Leitmarkts und die Sensibilisierung von Gesellschaft und Wirtschaft für die Chancen von Smart Living zu den Zielen. Einheitliche gewerkeübergreifende Qualitäts- und Sicherheitsstandards sollen gefördert werden und passgenaue Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, vor allem für das Handwerk entwickelt werden. Zudem sollen Impulse und Beiträge für die Schaffung des notwendigen klaren Rechtsrahmens geleistet werden, zum Beispiel in den Bereichen Gewährleistung, Datenschutz und Sicherheit.

Welche konkreten Vorteile können sich daraus ergeben?

Bessere branchenübergreifende Kooperationen können nicht nur zu mehr Komptabilität zwischen Lösungen und Standards beitragen, sondern auch innovative und attraktive Smart Living-Anwendungen hervorbringen und als Ausgangspunkt für neue Geschäftsmodelle dienen. Im vernetzten Leben der Zukunft werden diverse Gewerke vernetzt und damit Branchen kooperieren, die bisher wenig Berührungspunkte hatten. Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik, Licht-, Energie-, Sicherheits-/Überwachungs- und Gebäudetechnik, IT, Wearables für Gesundheitsanwendungen (Smart Health) müssen intelligent zusammenspielen. Auch die Verbindung nach Außen, also dem intelligenten Stromnetz (Energiewende) und die Anbindung der Elektromobilität an die Haushalte gehören zu den Herausforderungen branchenübergreifender Vernetzung. Hersteller, Handel, Versicherungs- und Wohnungswirtschaft, Architekten, Handwerk und weitere Branchen sind einzubeziehen. Zudem muss stärker über den Beitrag von Smart Living-Technologien für die großen gesellschaftspolitischen Herausforderungen sensibilisiert werden.

Im vernetzten Leben der Zukunft werden diverse Gewerke vernetzt und damit Branchen kooperieren, die bisher wenig Berührungspunkte hatten. Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik, Licht-, Energie-, Sicherheits-/Überwachungs- und Gebäudetechnik, IT, Wearables für Gesundheitsanwendungen (Smart Health) müssen intelligent zusammenspielen.

 Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Im Rahmen der Energiewende können Smart Living-Technologien wesentlich zur Erreichung der Effizienzziele im Gebäudesektor beitragen. Nach verschiedenen Untersuchungen können mit Smart Living-Technologien bspw. mehr als 30 Prozent der Wärmeenergie eingespart werden. Bisher konzentrierten sich entsprechende Maßnahmen vor allem auf die Dämmung der Gebäudehülle oder den Einsatz effizienterer Heizungsanlagen. Hier ist inzwischen ein Umdenken eingeleitet worden. Im Zuge der alternden Gesellschaft und der Herausforderung des Gesundheitssystems können Smart Living-Anwendungen älteren und pflegebedürftigen Menschen helfen, länger in ihrer gewohnten Wohnumgebung zu verbleiben. Beispielsweise können Smart Living-Systeme Notfälle selbstständig erkennen und Angehörige und hilfeleistende Stellen automatisch informieren. Auch im Hinblick auf das gestiegene Sicherheitsbedürfnis können Wohnungen und Häuser mit Smart Living-Lösungen deutlich günstiger und einfacher gesichert und überwacht werden, als dies bisher der Fall war.

Nach verschiedenen Untersuchungen können mit Smart Living-Technologien bspw. mehr als 30 Prozent der Wärmeenergie eingespart werden.

Herr Maric, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 Weitere Informationen zur Initiative Smart Living finden Sie auf www.smart-living-germany.de

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