Die Craft des Bieres

Craftbeer ist wortwörtlich in aller Munde. Doch woher kommt es eigentlich und ab wann ist ein Craftbeer ein Craftbeer?

Die Bierkarten sind länger geworden. Gerade in städtischen Bars gibt es auf einmal so viele Flaschen mit neuen Etiketten, dass man schon mal die Übersicht verlieren kann. Schnell bestellt man dann ein Getränk mit einem besonders exotischen Namen und würgt es anschließend mit gequältem Grinsen herunter, ja nicht das Gourmet-Gesicht verlieren. Gibt es denn da kein Siegel, das einem dabei die Qual der Wahl etwas erleichtern könnte? Die Antwort ist nein, aber das kann sich schnell ändern. Denn besonders beständig ist nichts in der Welt der artifiziellen Biere.

Da ist zunächst die Einordung. Anders als das traditionelle Bier, wir erinnern uns, das weltbekannte Reinheitsgebot, ist der Begriff Craft Beer in Deutschland nicht geschützt. Auch in den USA, wo man seit jeher der guten alten Normenaversion besonders verschrieben ist, existiert lediglich ein grober Einordnungsrahmen von Seiten des amerikanischen Brauverbandes, der Brewers Association. So sollte ein Craftbeerbrauer small (maximal 9,5 Millionen Hektoliter Jahresausstoß) independent (höchstens zu 25% in der Hand eines Konzerns) und traditional (größtenteils die klassischen Zutaten Wasser, Malz, Hopfen und Hefe verwenden) sein. Juristisch in Stein gemeißelt sieht anders aus, was aber auch kein Wunder ist. Denn bei der Craftbeer-Bewegung geht es vor allem um eine Einstellung und die ist nun mal schwer in Regelbüchern unterzubringen.

Und auch die Geschichte des Bieres ist nicht unbedingt linear. Wer an den Ursprung des Craft Beer denkt, hat zumeist eine einsame Brauerei in den Wäldern Colorados im Kopf, in der zwei bärtige Männer in Holzfällerhemden den ganzen Tag am Kessel stehen und dabei nicht mehr als drei Wörter reden. Richtiger wäre es allerdings an den vor kurzem arbeitslos gewordenen englischen Industriearbeiter zu denken, der ebenso schweigend am Tresen sitzt. Denn der eigentliche Ursprung der Bewegung liegt im Vereinigten Königreich der 70er Jahre, wo die ersten Kleinbrauereien zumeist direkt an die Pubs angegliedert waren. Das „Oxford Compagnion to beer“ führt die 1975 in Northampton gegründete Litchborough Brewery als erste ihrer Art.

Dass die Welle schließlich in die USA überschwappte, ist vor allem Jimmy Carter zu verdanken. Von 1977 bis 1981 im Amt gilt Carter heute vielen als der vielleicht fortschrittlichste amerikanische Präsident des 20. Jahrhunderts. Und die Tatsache, dass er 1978 das Heimbrau-Verbot aufhob, könnte mit ein Grund dafür sein. Den Siegeszug des Craftbeer hat es auf jeden Fall geebnet. Gab es in den USA 1980 gerade mal acht unabhängige Brauereien sind es heute über 1300. Diese Vielfalt ist auch als Reaktion auf den amerikanischen Biermarkt zu verstehen, der von einigen wenigen Großen dominiert wird, was im wahrsten Sinne des Wortes für einen eher faden Beigeschmack sorgt.

Ganz anders das Panorama in Deutschland, wo es die Vielfalt der über 1300 Brauereien dem Craftbeer nicht ganz so einfach gemacht hat, sich durchzusetzen. Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben und so gibt es inzwischen auch hierzulande einige Brauereien, deren Name langsam ein bundesweiter Bierbegriff wird. Besonders erwähnenswert sind hier die AleWerkstatt aus München, das Meckatzer Weiß-Gold aus dem Allgäu, die Kollektion der Ratsherrn Brauerei aus Hamburg oder auch das Berliner Rollberg.

Aber was genau ist nun ein Craftbeer? Ein gemeinsames Merkmal ist der Hang zum Obergärigen, also der Art der verwendeten Hefe. Obergärige unterscheidet sich von untergäriger Hefe (internationale Bezeichnungen sind Ale- beziehungsweise Lagerhefe) durch das mehr an CO2, das sie während des Brauprozesses entwickelt. Dies führt dazu, dass sie während des Vorgangs aufsteigt, wohingegen untergärige Hefe absinkt. Aber auch die spezielle Rezeptur, die in der Regel versucht eine neue Geschmacksnische aufzumachen, sind typische Eigenschaften eines jeden Craftbeers.

Wer es trotz allem traditionell mag, aber auch nicht auf die Geschmacksvielfalt verzichten möchte, dem sei übrigens zu einem Trip nach Belgien geraten. Denn was hierzulande erst seit kurzem, dafür in einigen Kreisen leider umso messianischer gefeiert wird, ist in unserem Nachbarland ein alter Hut. Über 8700 Biersorten gibt es dort, vor allem die Trappistenmönche machen sich seit über 500 Jahren einen Namen in der Elaboration unterschiedlichster Geschmacksorten. Besonders zu empfehlen sind hier das Chimay Bleue und Rochefort. Aber Achtung, diese Biere haben nicht nur deutlich mehr Jahre auf dem Bierdeckel als die heimischen Craftbeere, sondern auch deutlich mehr Prozente auf dem Tacho. So sind beide der zehn Prozent Marke deutlich näher als den hierzulande üblichen fünf. Die Rückfahrt sollten Sie also auf den nächsten Tag legen.

P.S.

Noch auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk? Warum dann nicht ein tolles Selbstbrauset verschenken. Inspiration gibt es zum Beispiel auf Besserbrauer  oder dein Bierwerk. Wir wünschen gutes Gelingen.

Fotos: © Wil Stewart, Christin Hume, unsplash

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