Immer Richtung Futuro

Ist es ein UFO? Ist es ein Witz? Nein, es ist das Futuro, das erste seriengefertigte Kunststoffhaus aller Zeiten. Seit kurzem ist es in der neuen Sammlung der Pinakothek in München zu sehen.

Nicht nur visuell waren die 60er bunt, auch aus psychologischer Sicht gibt es scharfe Kontraste. Die westliche Welt ist geeint in einem bedingungslosen Fortschrittsglauben, der sich nicht zuletzt aus einer selten zuvor gesehenen Technikbegeisterung speist. Dass ein großer Teil eben jener Technik ihren Ursprung in der vielleicht schlimmsten Katastrophe der Menschheit hat, geht in der aufkommenden Musik von Kraftwerk aber komplett unter.

Wenige spiegeln dieses Paradox so sehr wieder wie Matti Suuronen, der Architekt des Futuro. Er ist keine zehn Jahre alt, als die Kriegswirren seine Heimat Finnland erreichen, gerade einmal zwölf als alles vorbei ist. Und dennoch ist seine spätere Arbeit geprägt von einem technischen Utopismus, der seinesgleichen sucht. An seinen futuristischen Tankstellen zapfen Autofahrer Benzin für den Weg in die Zukunft. An seinen Kioskentwürfen decken sich die Menschen für einen Feierabend vor dem Farbfernseher ein, auf dem noch fiktive Raumfahrer den Zuschauer auf eine gefühlt nicht allzu ferne Realität vorbereiten.

Auf die Spitze treibt Suuronen dieses Weltbild jedoch mit dem Futuro. Das erste seriengefertigte Kunststoffhaus trifft auf der Finnfocus-Exportmesse 1968 in London zum ersten Mal auf den Nerv der Zeit. Seit kurzem heißt es wieder studieren statt randalieren, bis zur Mondlandung ist es kein Jahr mehr und so löst das futuristische Freizeithaus schnell einen Begeisterungssturm aus. Nach weiteren Messeauftritten weltweit beginnt die Serienproduktion. Über 100 Exemplare werden verkauft, bevor aus dem Objekt ein Opfer der Weltpolitik wird. Als die OPEC 1973 den Ölhahn zudrehen, ist es nicht nur mit dem seit dreißig Jahren andauernden Wirtschaftsaufschwung vorbei. Auch die Futuro-Plastikparty ist jäh zu Ende.

Anfang der 80er wird der kalte Krieg wieder wärmer und die Utopie zur Dystopie. Das Futuro gerät in Vergessenheit, wird bestenfalls unter retrofuturistischen Gesichtspunkten belächelt. Aber ganz verschwindet es nicht. Um die 50 Exemplare gibt es weltweit bis heute, darunter acht in Deutschland. Das vielleicht bekannteste von ihnen stand kurz auf dem Dach des Düsseldorfer Künstlers Charles Wilps. Dieser hatte 1972 ein Futuro erstanden. Der damalige Verteidigungsminister Helmuth Schmidt sorgte mit einem Hubschrauber dafür, dass das Objekt auf Wilps Haus landen konnte. Andy Warhol und Beuys kamen zu Besuch, Christo verhüllte es. Bei so viel Kunst schauten auch die Behörden genauer hin, doch sie sahen vor allem eine „Störung des Stadtbildes“, das Futuro musste weg. Umso schöner, dass über 40 Jahre später wieder ein Exemplar in München gelandet ist.

Die Pinakothek ist außer montags täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, an Donnerstagen bis 20 Uhr. Weitere Informationen erfahren Sie hier.

Fotos: © Matti Suuronen/Espoo City Museum/photo: unknown, Shutterstock

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