Vintage-Möbel zum Wohlfühlen

Mit dem Mobiliar ist es ähnlich wie mit der Kleiderwahl. Man freut sich über neue Sachen, die gerade dem Zeitgeist entsprechen, aber irgendwo besitzt man auch seinen alten Lieblingspulli, der schon Gebrauchspuren aufweist. Trotzdem passt er zu allen anderen Teilen und unterstreicht die Persönlichkeit. Auch die Einrichtung muss nicht nur aus teuren neuen Designermöbeln bestehen, um „etwas herzumachen“. Ein massiver alter Tisch mit Patina (Alterungsspuren im positiven Sinne) oder ein anmutiger, bequemer Sessel fügen sich mitunter gut in ein bestehendes Ikea-Ensemble ein und ein echter Designklassiker verleiht dem Ganzen dann eine individuelle Note.

Ob es sich dabei um einen berühmten Entwurf des deutschen Bauhauses aus den 1920er-Jahren von Marcel Breuer oder einen Lounge Chair des amerikanischen Designer- und Architektenpaares Charles und Ray Eames von 1995 handelt, ist reine Geschmackssache. Wichtig ist, dass man sich überlegt, ob man lieber ein gebrauchtes oder neu hergestelltes Stück möchte und wie man es integriert, um individuelle Akzente zu setzen. Entscheidet man sich für einen Kauf, gibt es drei Wege an einen Design-Klassiker zu gelangen. Man kann gebrauchte beziehungsweise sogenannte Vintage-Stücke erwerben oder man kauft ein neu produziertes Original-Möbelstück. Lizensierte Hersteller dürfen mit Einverständnis des Designers, bzw. dessen Erben, die jeweiligen Entwürfe produzieren und müssen dafür auch hohe Auflagen hinsichtlich der Qualität erfüllen. Daneben sind im Internet auch viele „billige“ Plagiate erhältlich – aber ihre Qualität entspricht meist ihrem Preis. Wie man den für sich passenden Klassiker findet und auf was man beim Erwerb dieser Design-Schätze achten sollte, verrät uns hier ein ausgemachter Experte für Vintage-Möbel: In Wiesbaden betreibt der Kunst-Restaurator Lars Erik Hofstetter seine „Galerie für angewandte Kunst“ und verkauft dort gebrauchte Design-Unikate. Vor wenigen Jahren kuratierte er zudem in Berlin den Showcase „Between Time“, in dem edles Mobiliar, Vintage-Design und ausgesuchte Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts in einem historischen Saal aus dem 19. Jahrhundert präsentiert wurden.

Marcel Breuers Clubsessel B35 von 1928 wird bis heute hergestellt. Gebraucht ist er ab ca. 650 Euro zu haben

OKAL: Herr Hofstetter, können Sie uns ein paar grundsätzliche Tipps geben, wie man mit einem Designklassiker Akzente in den eigenen vier Wänden setzen kann?

Hofstetter: Das Thema ist eigentlich zu komplex, um allgemeingültige Tipps zu geben. Das ist zwar keine befriedigende Antwort, aber es ist gar nicht so einfach, durch ein, zwei Möbelstücke in einen gewöhnlichen Raum mit durchschnittlicher Einrichtung einen Kick reinzukriegen. Ikea ist dabei oft noch ganz dankbar. Wenn ich an die Möbel von Rolf Benz oder Segmüller denke, wird es schwer, da hier die Materialien und Formensprache oft einfach nicht mit den Klassikern harmonieren. Obwohl gerade auch eine gewisse Disharmonie spannend sein kann. Wenn man eine „barocke“ Kommode mit Furnierfehlstellen oder Abnutzungspuren nimmt und darüber ein „cleanes“ Pop-Art-Bild hängt, dann hat man vielleicht aus der Theorie heraus betrachtet eine Disharmonie, aber sie erzeugt eine Spannung und das macht die Kombination wieder zu einem tollen Ensemble. Dann haben beide Stücke ihre individuelle Qualität behalten. Alt und neu können dabei wunderbar zusammenspielen. Da muss man hinkommen.

OKAL: Das bedeutet, Sie plädieren durchaus auch für gebrauchte Möbel?

Hofstetter: Gerade wenn man einen Klassiker will, sollte man ihn aus meiner Sicht lieber nicht neu kaufen, weil er dann nicht den Charme und die Patina hat, um als Klassiker oder „Vintage-Stück“ seine Qualitäten zu entfalten.

OKAL: Was ist mit Möbelstücken, die nicht von bekannten Designern entworfen wurden?

Hofstetter: Auch auf dem Flohmarkt findet man unter Umständen Gutes. Mir ist es gar nicht so wichtig, dass hinter einem Möbel immer ein großer Hersteller oder Designer steckt. Es geht viel mehr um den Ausdruck, um die Proportionen, um die Materialien und um die Formensprache, die es zu etwas Besonderem machen. Ich stelle mir einen einfachen Hocker oder einen derben Tisch mit Gebrauchsspuren genauso gerne auf wie ein Designerstück.

OKAL: Vorausgesetzt man möchte sich doch einen neu aufgelegten Design-Klassiker kaufen, würden sie eher zu lizensierten Herstellern raten oder kann man auch günstige Nachahmungen kaufen?

Hofstetter: Bei Lizenznehmern wie Vitra oder Fritz Hansen sind zumeist die Materialien und die Produktionsbedingungen – auch für die Arbeiter vor Ort – sehr viel besser als bei den nicht-lizensierten Herstellern. Es geht zum Beispiel um die Art und Weise, wie Leder gegerbt wird, wie es gefärbt wird, wie Holz verarbeitet und lackiert wird. Bei den Lizenznehmern wird alles viel korrekter und qualitätsbewusster durchgeführt als bei denen, die das ohne Lizenz produzieren. Die Verarbeitungsqualität ist sehr hoch und man hat bei guter Pflege immer die Garantie, dass wenn man das Stück nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten verkauft, immer auch Geld zurückbekommt oder es vielleicht sogar eine Wertsteigerung erfährt. Wenn man dagegen das Geld zunächst spart und nur ein Drittel des Preises für ein nachgemachtes Stück ausgibt, dann kriegt man beim Verkauf kaum etwas zurück und hat einen Riesenverlust gemacht. Auch bei der visuellen Anmutung besteht bei näherem Hinsehen immer ein großer Unterschied zwischen einem Qualitäts- und einem Billigprodukt. Das kann man auch als Laie sofort erkennen. Beispielweise hat bei einem „nachgemachten“ Lounge Chair von Eames die Sitzprägung meistens eine grobe Struktur, die Armlehnen sind oft nicht gleichmäßig gearbeitet oder aus weniger schön gemasertem Holz. Diesen Produzenten geht es nur darum, aus möglichst billigen Materialien ein „ähnliches“ Produkt herzustellen. Das passiert einem mit Lizenzunternehmen nicht.

OKAL: Sie hatten bereits Ikea erwähnt. Sind deren Möbel eine preiswerte Alternative zu lizensierten oder gebrauchten Designklassikern?

Hofstetter: Dadurch dass ich selbst Schwede bin, kann ich nichts Negatives über Ikea sagen (lacht). Meine Mutter kannte Ikea-Gründer Ingvar Kamprad noch, wie er mit dem Fahrrad durch die Dörfer gefahren ist, eine Art Bauchladen auf das Rad geschnallt hatte und Nähgarn und solche Dinge verkaufte. Er hatte als ganz junger Mann das Unternehmen gegründet und es mit einem gigantischen Unternehmersinn aufgebaut. Seine Leistung als „Entrepreneur“ ist grandios. Seine Idee ist die Verwirklichung des demokratischen Designs, indem er gute Entwürfe für kleines Geld zum Selbstzusammenbauen konzipierte und anbot. Darunter gibt es heute viele nette und auch eigenständige Möbel. Ich finde, man kann sich aus dem Ikea-Katalog ein ganz sympathisches, wohnliches Ambiente schaffen.

Der Butterfly Chair wurde 1938 von Jorge Ferrari Hardoy, Antonio Bonet und Juan Kurchan für ein Apartment in Buenos Aires entwickelt. Gebraucht gibt es ihn ab rund 200 Euro.

OKAL: Kann man Designklassiker also auch gut mit Ikea-Möbeln oder Ähnlichem kombinieren?

Hofstetter: Einfache mit hochwertigen Dingen zu kombinieren, finde ich absolut in Ordnung. Wenn sich beide gegenseitig gut beleben, dann hat das Hochwertige etwas davon und auch das Einfache. Ikea ist unaufdringlich. Die Produkte halten sich zurück, erfüllen ihren Zweck und haben eine klassische Note – wie das „Billy“-Regal, das seit 32 Jahren eines der meistverkauften Bücherregale weltweit ist. Es versucht nichts vorzugeben, was es nicht ist, macht keine große Show, sondern funktioniert und ist einfach super einzusetzen. Auch ein einfacher Ikea-Tisch mit Vintage-Stühlen kombiniert, egal ob sie von einem berühmten Designer sind oder einfach nur aufgrund ihrer Gebrauchsgeschichte interessant, erzeugt schon ein wunderbares Ambiente.

OKAL: Für welche Möbelstücken sollte man grundsätzlich mehr Geld investieren?

Hofstetter: Das ist natürlich auch immer eine Frage der eigenen, individuellen Präferenzen. Mir ist das Esszimmer wichtig: Für einen Esstisch mit guten, bequemen Stühlen, für die Lampen und für einen guten Sessel und ein Sofa lohnt es sich für mich, hier mehr Geld auszugeben. Denn gerade der Essbereich ist für mich der wichtigste Ort im Haus, weil wir dort viel Zeit mit Familie und Freunden verbringen. Auch die Beleuchtung ist mir dann wichtig. Eine Leuchte muss selbst optisch gar nicht unbedingt viel hermachen, sondern sie muss als Lichtspender die Funktion erfüllen, den Raum schön gemütlich und warm zu machen, ihn dabei aber auch ausreichend auszuleuchten. Das kann auch eine Industrieleuchte vom Flohmarkt für 25 Euro sein, wenn sie ins Interieur passt und gutes Licht spendet. Was ich persönlich jedoch nicht mag sind Strahlersysteme wie Halogenstrahler, die punktuell etwas ausleuchten. Ein Raum sollte für mich komplett ausgeleuchtet und nicht nur einzelne Objekte „angespottet“ sein. Ausserdem finde ich es wichtig, dass ein Raum nicht von oben nach unten beleuchtet wird, sondern Licht von unten nach oben geht. Dafür ist ein Deckenfluter ideal, er lässt einen Raum höher und lebendiger wirken.

Schon jetzt ein Klassiker: der Chair One von Konstantin Grcic von 2003. Für ca. 260 Euro erhält man einen wirklich ungewöhnlichen Stuhl.

OKAL: Wo könnte man denn sonst noch sparen, um auch mit kleinem Budget stilvoll zu wohnen?

Hofstetter: Ich finde, man kann an Kleiderschränken, Betten und an Bücherregalen sparen. Vielen Menschen ist gerade die Schlafzimmereinrichtung wichtig – mir persönlich ist sie eher egal. Ich kann genauso gut nur mit einem Lattenrost und einer einfachen Schaumstoffmatratze auf dem Boden liegen. Ins Bett gehe ich vor allem, wenn ich schlafen will und schaue es nicht stundenlang verliebt an. Lieber gebe ich mein Geld für Kunst oder Gegenstände aus, mit denen ich meine Wachzeit in angenehmer Gesellschaft verbringe. Ein Kleiderschrank muss ebenfalls eher funktional sein. Da gibt es im Designbereich auch keine Klassiker, denn früher waren Kleiderschränke einfache Einbaumöbel.

OKAL: Wo kann oder sollte man gebrauchte Designklassiker erwerben?

Hofstetter: Eine gute Quelle ist das Internet und hier vor allem ebay, aber auch mehr und mehr Plattformen, auf denen man Ausstellungsstücke mit ersten Gebrauchsspuren angeboten bekommt. Auch Trödel- und Antiquitätenmärkte sind immer gut, wenn man frühzeitig hinkommt. Im Vintage-Bereich gibt es auch Börsen und Verkaufsmessen und jede größere Stadt dürfte heute noch ein kleines Geschäft mit spannenden Fundstücken haben. Auch wenn man im Urlaub ist, zum Beispiel in Frankreich oder in Spanien, sollte man sich umschauen. Da darf man zwar die Transportkosten nicht vergessen. Solange man aber keine massive Schrankwand kauft, sind die Kosten nicht maßgeblich und die Händler versenden ihre Sachen im Allgemeinen auch sehr gerne über Speditionen.

OKAL: Angenommen, man findet ein irgendwo ein günstiges Stück, das ein wenig zu viel Abnutzung aufweist. Was kann man denn ohne große handwerkliche Begabung selbst reparieren?

Hofstetter: Holzmöbeln kann man auch als Laie ein frischeres Aussehen geben, indem man sie zum Beispiel mit ganz feiner Stahlwolle oder Schmirgelpapier anschleift und sie anschließend mit Leinöl behandelt. Dann bekommen sie einen ganz neuen Charakter, ohne zu viel von ihrer Patina verloren zu haben. Kunststoffmöbeln kann man mit richtigen Reinigern aus dem Drogeriemarkt einen neuen Look verpassen. Eine sehr dankbare Lösung kann es auch sein, ein Sofa oder einen Sessel mit einem neuen Stoff beziehen zu lassen. Das sollte man aber nicht selbst tun. Einen Polsterer findet man sicherlich in der näheren Umgebung.

Gebrauchte Design-Klassiker, Ausstellungsstücke und Ähnliches findet man im Internet unter anderem hier bei Monoqi und Pamono.

Autor: Bastian Thüne

Fotos: Tamara Jung-König

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